ILLONA

 

Im Jahr 1994, als ich fast 18 Jahre alt war, lernte ich Illona kennen. Sie kam aus Deutschland, wir waren auf dem gleichen Konzert. Heute habe ich den Namen der Gruppe vergessen, wahrscheinlich war das auch damals nicht so wichtig.
Sie sprach mich zuerst an. „Magst du die Musik?“
„Nicht schlecht“, sagte ich, und dann nichts mehr.
Vielleicht dachte Illona, dass ich anspruchsvoll war, zu snobbisch um mit ihr zu sprechen. Jedoch war das Gegenteil der Fall: Meine Schüchternheit hatte mich ganz blockiert.
Nur eine Pause des Konzerts und ein paar Biere brauchten wir, um eine Konversation anzufangen, dann hörten wir nicht auf zu sprechen.
Sie war klug, hübsch und aufregend.

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„Möchtest du einen Spaziergang machen?“, fragte ich, als die Gruppe aufhörte zu spielen.
„Gerne.“
Ihr zeigte ich meine Stadt. In der Nacht war Mailand sehr schön.
„Morgen ist mein Urlaub leider zu Ende“, sagte Illona, als ich sie bis zu ihrem Hotel begleitete. „Du kannst aber nach Bremen fahren, um mich zu besuchen… wenn du willst.“
„Das werde ich sicherlich machen“, versprach ich.
Aber, wie denn?

Die Idee war total verrückt.
„Mutti“, sagte ich, „an diesem Wochenende gehe ich zu Marco. Ich schlafe in seinem Haus, wenn es dir passt.“
„Ja“, antwortete sie mir, „lass mir doch nur seine Telefonnummer.“
Dann musste ich Marco überreden, meine Lüge zu unterstützen. Das war zum Glück kein Problem.
Er war aber ein bisschen skeptisch. „Noch einmal. Was möchtest du machen?“
„Am Freitag fahre ich ab, am Sonntag kehre ich zurück.“
„Und du stehst zwei Tage lang im Zug, nur um am Samstag zu bleiben… bei… wie ist ihr Name?“
„Illona. Sie heißt Illona. Und ja, das werde ich machen.“
„Du bist nicht normal.“
„Vielleicht nicht“, sagte ich, „aber… ich glaube, dass ich mich in sie verliebt habe.“
„Nach einer Nacht?“
„Ja.“
„Habt ihr euch zumindest geküsst?“
„Noch nicht.“
„Du bist wahnsinnig abgedreht“, sagte mir Marco, „weißt du das?“
Ich wusste es eigentlich.
Schwieriger war es, die Zugkarten zu kaufen. Ich hatte nicht so viel Geld, da ich nur Student war. Aber meine Schwester half mir, als ich ihr meine Pläne erklärte: Sie arbeitete und sie hatte Spargeld, dass sie mir leihen konnte.
Ich fühlte mich bereit, auch war der Personalausweis in Ordnung. Nichts konnte mich aufhalten.
Nichts, außer einem großen Problem.
Ich rief Illona an, um sie zu benachrichtigen, dass ich ankommen würde. Sie antwortete nicht. Ich probierte mehrmals, immer mit dem gleichen Ergebnis. Keine Antwort. Zu diesen Zeiten, ohne Handys und ohne Internet, war es nicht so einfach, eine Person zu erreichen.
Zum Schluss blieb ich tatsächlich an diesem Wochenende bei Marco, über die Frauen mich beschwerend und mit ihm trinkend.
Am Montag schickte ich Illona eine Karte.
Ich warte noch heute auf eine Antwort.